Es war einmal, in einem kleinen Dorf im Rheinland, ein Junge, der Radios auseinandernahm, Stromschläge kassierte und sich seinen ersten Computer kurzerhand selbst reparierte. Als er gross genug war, zog er aus, das Gruseln zu lernen – wie im Märchen, das er als Kind am liebsten mochte. Er fand Helikopter auf Bankdächern, Tränengas auf Firmendächern und Gewehrläufe am Autofenster, er fand Königreiche, Sultanate und eine Pandemie – und gruselte sich, um ehrlich zu sein, erstaunlich selten. Dies ist seine Geschichte. Alles darin ist wahr. Das meiste davon ist trotzdem kaum zu glauben. Und wie in jedem ordentlichen Märchen der Brüder Grimm wartet das Gruseln geduldig bis zur letzten Seite.

Vor ewigen Zeiten, in einem kleinen, beschaulichen Dorf im Rheinland, wurde ein Kind geboren. Das Dorf hiess Bad Honnef, die Zeit war das Ende der Sechzigerjahre, und die Welt hatte gerade andere Sorgen: In Bonn, quasi um die Ecke, spielte eine junge Bundesrepublik Hauptstadt, die Amerikaner übten für den Mond, und im Fernsehen – sofern man eines hatte – war die Welt noch schwarzweiss.
In diese Welt hinein wurde das Kind als drittes von am Ende vier Kindern einer Arbeiterfamilie geboren. Vier Jungs. Man kann sich das Haus vorstellen. Man kann sich vor allem die Mutter vorstellen.
Das Kind war lebhaft, abenteuerlustig und hatte eine Eigenschaft, die Eltern in den Siebzigerjahren noch «Neugier» nannten und heute vermutlich ein Fall fürs Jugendamt wäre: Es nahm alte Radios auseinander. Nicht immer freiwillig gaben die Radios dabei ihre Geheimnisse preis – hin und wieder wehrten sie sich mit 220 Volt. Es waren, wenn man so will, die ersten Berührungen des Kindes mit Kondensatoren: jenen heimtückischen Bauteilen, die Strom speichern, um ihn neugierigen Fingern auch dann noch überzubraten, wenn der Stecker längst gezogen ist. Das Kind überlebte sämtliche Stromschläge ohne wissentlich bleibenden Schaden, wobei über das Wort «wissentlich» in der Familie bis heute keine abschliessende Einigkeit herrscht.
Als die Ölkrise kam und die Autobahnen sonntags leer wurden, rollerten die Deutschen über leere Fahrbahnen und das Kind schraubte weiter. Es ahnte nicht, dass dieses Schrauben einmal ein Beruf werden würde. Es ahnte überhaupt nichts von dem, was kommen sollte – und das war vermutlich besser so.
Dieses Kind war ich.

Die erste Spielkonsole kam als Wunder ins Haus: ein Kasten mit fest eingebauten Spielen, im Wesentlichen Pong in mehreren Verkleidungen. Zwei weisse Balken, ein weisser Punkt, ein Fernseher – mehr brauchte es nicht, um einen Jungen aus dem Rheinland restlos zu elektrisieren. Diesmal im übertragenen Sinne.
Dann kam die Konfirmation. Andere legten das Geld aufs Sparbuch, wo es die Bundesbank vor der Inflation und die Eltern vor dem Sohn bewachten. Mein Konfirmationsgeld wurde – der Herr möge es verzeihen – in eine Atari-Konsole mit Wechselkassetten investiert. Es war, das darf man rückblickend sagen, die erste richtig gute Investition meines Lebens. Weitere sollten folgen, aber dazu später.
Der erste richtige Computer war dann eine Rettung aus dem Elend: ein defekter ZX81, das britische Wundergerät mit sagenhaften 1024 Bytes Arbeitsspeicher – zum Vergleich: dieser Satz hier braucht mehr. Ich habe ihn repariert, zum Leben erweckt und auf ihm die ersten Zeilen Code meines Lebens getippt. Und weil ein Computer ohne Speicher wenig taugt und Originalzubehör Geld kostete, das nach der Atari-Investition nicht mehr vorhanden war, wurde ein alter Kassettenrekorder so modifiziert, dass er Programme auf handelsübliche Musikkassetten schrieb. Zwischen Nena und den Toten Hosen lag jetzt Maschinencode.
Draussen probte derweil der Kalte Krieg den Ernstfall, im Kino zeigte «WarGames», wie ein Junge mit einem Computer beinahe den dritten Weltkrieg auslöst, und ich sass im Rheinland vor meinem reparierten ZX81 und fand: Der Junge im Film hatte eindeutig die bessere Hardware. Der Ehrgeiz war geweckt.

Man muss ehrlich sein: Der Plan, ein Studium aufzunehmen, existierte nicht. Es existierte überhaupt kein Plan – ich hatte eine, sagen wir, lebhafte Jugend, einen soliden Schulabschluss und einen Vater, der im Transformatorenwerk des Dorfes arbeitete. Eines Tages schlug er vor, ich könne dort eine Elektro-Ausbildung machen. Ich sagte zu, hauptsächlich, weil mir auf die Schnelle kein Gegenargument einfiel.
Es wurde – zur allgemeinen Überraschung, meine eigene eingeschlossen – ein Triumph. Der Rebell schloss als Jahrgangsbester ab und wurde von der Industrie- und Handelskammer ausgezeichnet. Meine Eltern mussten sich für diese Wendung der Ereignisse vermutlich erst einmal setzen.
Vom Konzernchef persönlich gab es dafür übrigens eine Belohnung, die damals einem Ritterschlag gleichkam: einen programmierbaren Taschenrechner von Hewlett-Packard – das Edelste, was die Gattung zu bieten hatte. Man würdige die Ironie: Der Junge, der sich seinen ersten Computer aus einem defekten ZX81 zusammengeflickt hatte, bekam nun feinste Rechenleistung geschenkt – für Bestleistungen an Kupferwicklungen. Das Gerät wurde selbstverständlich sofort programmiert. Und selbstverständlich nicht nur für Sinnvolles.
Die Ausbildung selbst war noch echtes Handwerk: Wicklungen, Kupfer, Öl und Eisen in Dimensionen, die man erst glaubt, wenn man davorsteht. Im Werk erzählte man sich damals, wir bauten gerade den grössten Transformator, der je gebaut worden sei – ein Koloss von mehreren hundert Tonnen, entstanden ausgerechnet in einem beschaulichen Kurort am Rhein. Ich habe die Behauptung nie überprüfen lassen. Manche Geschichten sind zu gut, um sie der Faktenprüfung zu opfern; es genügt mir, dass ich dabei war.
Mit Computern hatte das alles herzlich wenig zu tun – die gab es höchstens im Prüffeld zu bestaunen, wo ich hin und wieder Berührungspunkte mit ihnen hatte, diesmal ohne Stromschläge. Aber irgendwo zwischen Kupferwicklungen und Prüfprotokollen reifte die Erkenntnis, dass am Ende der Ausbildung noch nicht das Ende sein konnte. Draussen havarierte Tschernobyl, Boris Becker gewann Wimbledon, und ein Weltkonzern schluckte nebenbei unser Traditionswerk. Die Welt war offensichtlich in Bewegung. Es wurde Zeit, sich anzuschliessen.
Wer in einer Arbeiterfamilie mit vier Söhnen aufwächst, lernt früh, dass es für alles einen Präzedenzfall gibt. Für das Studieren gab es in unserer Familie gleich zwei: Mein ältester Bruder fühlte sich der Muse zugeneigt – Musik, Sprachen, die schönen Künste. Der zweitälteste wurde Sozialpädagoge. Man sieht das Muster: Die Beydemüllers zog es an die Hochschulen, aber in Richtungen, mit denen man keinen Lötkolben halten kann. Ich war der einzige Techniker unter den Brüdern, und als ich nach der Lehre verkündete, studieren zu wollen, war ich immerhin der Erste, der es mit etwas versuchte, das nach Maschinenraum roch.

Die Frage war nur: was genau. Elektrotechnik lag nahe – ich kam schliesslich aus dem Transformatorenbau und wusste, wie sich 220 Volt anfühlen. Aber Elektrotechnik hatte einen entscheidenden Nachteil: zu wenig Computer. Die Informatik wiederum erschien mir damals als das andere Extrem – viel Theorie, wenig Greifbares, nichts, woran man sich im Zweifel einen Stromschlag holen konnte. Also wählte ich den Mittelweg, und der Mittelweg hatte sogar einen eigenen Namen: Technische Informatik, an der Fachhochschule in Köln. Halb Hardware, halb Software, ganz genau mein Beuteschema.
Ich war ehrgeizig. Ich wollte das Studium so schnell wie möglich durchziehen, was mir auch beinahe gelungen wäre – dazu gleich mehr, denn der Staat hatte andere Pläne mit mir.
Zu Hause vollzog sich derweil eine technische Erbfolge. Der Amiga, den ich mir zugelegt hatte, war – bei aller Liebe – ein Spielzeug. Ein grossartiges Spielzeug, auf dem ich durchaus programmierte, aber vorwiegend Dinge, die sich bewegten, blinkten und Punkte zählten. Der ernsthafte Rechner war der Atari ST. Er wurde mein Kommilitone, mein Werkzeug und mein Labor zugleich: Ich baute ihm Zusatzmodule auf 286er-Basis, sodass in einem Gehäuse zwei Welten wohnten – die elegante Atari-Welt und die graue, aber unaufhaltsame PC-Welt. Es folgte der erste 486er, auf dem ich meine ersten Berührungspunkte mit einem gewissen Windows hatte, später ein Pentium. Im Studium kamen Programmiersprachen dazu, auch maschinenorientierte Programmierung – Register, Interrupts, Speicheradressen. Das war kein Hobby mehr. Da ging es ans Eingemachte, und ich stellte fest, dass mir das Eingemachte ausgesprochen gut schmeckte.
Und dann, mitten in diese Jahre hinein, fiel die Mauer. Ich erinnere mich an die Bilder, an die Menschen auf dem Beton, an das Unglaubliche daran. Ich habe mich aufrichtig für sie gefreut – und bin danach vermutlich in die Disco gegangen. Man muss ehrlich bleiben: Politik hat mich nie sonderlich interessiert. Das Weltgeschehen lief bei mir im Hintergrund, wie ein Radio im Nebenzimmer – Reagan, Abrüstung, Wiedervereinigung. Ich hatte andere Prioritäten: das Studium, die Rechner, die ersten Freundinnen. Dass die Politik sich eines Tages sehr nachdrücklich für mich interessieren würde, in Ländern, von denen ich damals nicht einmal die Hauptstadt kannte – das ahnte ich nicht. Aber so ist das mit dem Radio im Nebenzimmer: Irgendwann steht man selbst in den Nachrichten daneben.

Der Staat, ich deutete es an, hatte andere Pläne. Mitten aus dem Studium heraus wurde ich zum Zivildienst gezogen. Zwei Jahre. Krankenhaus.
Ich will über diese Zeit nicht viele Worte machen, aber die wenigen sollen dastehen, denn sie gehören zu dieser Geschichte wie alles andere – vielleicht mehr als alles andere.
Ich habe in diesen zwei Jahren alte Menschen in den Tod begleitet. Ich habe Verstorbene gewaschen und sie für den letzten Besuch ihrer Angehörigen vorbereitet. Und ich habe die Angehörigen selbst begleitet – die, die am Bett sassen und warteten. Man war da, wenn Worte fehlten, und man blieb, wenn alle anderen längst nach Hause gegangen waren. Ich war Anfang zwanzig. Es war eine Zeit, in der über solche Dinge nicht gesprochen wurde – nicht im Krankenhaus, nicht am Küchentisch, nirgends. Man tat es, und dann machte man weiter.
Und das Krankenhaus war nicht der einzige Ort, an dem der Tod in jenen Jahren nach mir griff. Ich habe damals auch gute Freunde verloren – zu jung, zu früh, auf Wegen, die ich hier nicht ausbreite: Unfälle, Drogen, und manche gingen von sich aus. Es war viel Abschied für ein Alter, in dem andere gerade ihre erste Wohnung einrichten.
Für einen jungen Menschen, der am Anfang seines Lebens steht, ist es eine eigentümliche Erfahrung, täglich mit dem Ende zu tun zu haben. Sie hat mich geprägt – still, gründlich und für immer. Vielleicht kommt daher ein Teil der Gelassenheit, die mir später in Situationen half, in denen andere den Boden unter den Füssen verloren. Wer einmal begriffen hat, wie das Leben endet, verhandelt anders mit ihm.
Und noch etwas hat diese Zeit in mich hineingelegt, ohne dass ich es damals hätte benennen können: Menschen durch schwere Passagen zu begleiten. Es sollte – auf ganz andere Weise, in ganz anderen Zusammenhängen – einmal der Kern meines Berufslebens werden. Aber gelernt habe ich es nicht in einem Seminar. Gelernt habe ich es an Krankenhausbetten.
Heute, viele Jahrzehnte später, ertappe ich mich manchmal bei dem Gedanken, dass ich inzwischen auf der anderen Seite dieses Lebens stehe – näher am Ende als am Anfang. Dann denke ich oft an diese Zeit zurück. An das, was seither alles passiert ist. Und daran, wie schnell es bei denen, die ich damals begleitet habe, am Ende dann doch ging.
Danach ging ich zurück an die Hochschule und studierte zu Ende. Das Leben hatte es plötzlich weniger eilig – aber ich umso mehr.

Der Drang, die Welt zu sehen, kam nicht aus dem Nichts. Er hatte Vorläufer, und die lagen – wie für einen jungen Rheinländer üblich – zunächst gleich hinter der Grenze: in Holland. Ein Schulfreund war der Sohn eines holländischen Diplomaten, und so hatten unsere Besuche im Nachbarland stets einen halboffiziellen Anstrich und ein durchweg inoffizielles Programm. Holland bot jungen Menschen damals gewisse Attraktionen, die im Rheinland nicht im selben Umfang verfügbar waren – ich belasse es bei dieser Formulierung und dem Hinweis, dass wir stets sehr entspannt zurückkehrten.
Aus jener Lebensphase stammt übrigens auch ein Tattoo, das ich mir selbst gestochen habe. Es existiert noch heute, allen Entfernungsversuchen zum Trotz. Manche Jugendentscheidungen sind einfach loyaler als andere.
Die erste richtige Reise aber – die, mit der alles anfing – funktionierte nach einem Prinzip, das ich bis heute für unterschätzt halte: nicht wissen, wohin. Wir fuhren zum Flughafen, die Tasche war gepackt, das Ziel war keins. Am Schalter buchten wir last minute, was da war, und selbst da wussten wir noch nicht, wohin es ging. Erst kurz vor dem Abflug erfuhren wir es: Nairobi. Kenia. Wir stiegen in eine Maschine, die ihre besten Jahre erkennbar hinter sich hatte, und flogen nach Afrika.
Was dann kam, war ein Schock – und zwar einer von der Sorte, die man nicht im Reisekatalog findet. Schon die Fahrt vom Flughafen zum Hotel zeigte eine Welt, die mit meinem beschaulichen Kurort ungefähr so viel zu tun hatte wie der ZX81 mit einem Grossrechner: Lärm, Staub, Armut – und am Strassenrand Bilder, die ich hier nicht ausmale und die man nicht mehr vergisst, wenn man sie einmal gesehen hat. Ich war zwanzig-und-ein-paar Jahre alt und sass ziemlich still auf der Rückbank.
Und trotzdem – oder deswegen: Es liess mich nicht los. Irgendetwas an diesem Kontinent, an dieser rohen, ungefilterten Wirklichkeit, hatte einen Haken in mir versenkt. Ich wusste damals nicht, dass ich eines Tages zehn Jahre meines Lebens in Afrika verbringen würde. Hätte man es mir auf dieser Rückbank prophezeit, ich hätte vermutlich höflich genickt und innerlich den Notausgang gesucht. Aber der Haken sass.
Danach zog es mich regelmässig in die Ferne, meist nach Asien, meist nach Thailand – und einmal mit dem Rucksack durch Indonesien: mit dem Zug quer durch Java, mit der Fähre nach Bali, von Bali weiter nach Lombok. Alles Low Budget, alles improvisiert, alles wunderbar.
Lombok lieferte dabei die Geschichte, die ich bis heute erzähle, wenn jemand wissen will, wie man damals reiste. Ich kam mit der Fähre an; der Rucksack war der Plan, einen anderen gab es nicht. Am Hafen standen Busse. Ich ging hin und fragte in meinem damals noch ziemlich gebrochenen Englisch, ob einer davon zu irgendeinem Strand fahre. Der Fahrer nickte nur. Ich stieg ein.
In Asien geht die Sonne schneller unter, als ein Rheinländer denken kann. Eben war noch Nachmittag, dann war es stockdunkel, und der Bus fuhr und fuhr. Irgendwann hielt er mitten im Nirgendwo, der Fahrer zeigte zur Seite und sagte genau ein Wort: «Beach!» Die Tür ging auf, ich stieg aus, die Tür ging zu. Die Rücklichter verschwanden hinter der nächsten Kurve, und ich stand mit meinem Rucksack in vollkommener Finsternis. Aber ich hörte etwas: das Meer.
Also ging ich dem Rauschen nach, quer durch ein Gebüsch, in dem rückblickend allerhand hätte wohnen können – Schlangen zum Beispiel –, woran ich in meiner vollkommenen Unbedarftheit keinen einzigen Gedanken verschwendete. Dahinter stand eine Hütte, hinter deren Ritzen ein wenig Kerzenlicht flackerte. Ich klopfte. Man öffnete. Es war, wie sich herausstellte, eine Pension, und es gab ein Zimmer – «spartanisch» wäre eine Übertreibung. Ich schlief ein, ohne zu wissen, wo auf dieser Insel ich eigentlich gelandet war.
Am Morgen weckte mich Licht, das durch die Ritzen der Fensterläden fiel. Ich stiess sie auf – und da war alles auf einmal: das Meer, ein weisser Strand, die Sonne. Ich stand an diesem Fenster und begriff zum ersten Mal in aller Deutlichkeit, dass das Leben die Bereitschaft, blind in einen Bus zu steigen, gelegentlich fürstlich belohnt. Es beeindruckt mich bis heute.
Irgendwo zwischen einem javanischen Bahnabteil, einer indonesischen Fähre und diesem Fenster auf Lombok ist aus dem Jungen, der Radios aufschraubte, ein Weltenbummler geworden.
Zurück in Deutschland wartete das Studium. Aber die Messlatte für «Abenteuer» hing jetzt deutlich höher, und das Rheinland, bei aller Liebe, kam da nicht mehr heran.

Es begab sich während des Studiums, dass ein Kommilitone mich eines Tages mitnahm zu einem Ingenieurbüro in Eitorf. Merken Sie sich diesen Kommilitonen – er taucht in dieser Geschichte noch einmal auf, und beim zweiten Mal verändert er sie komplett.
Das Büro machte Industrieautomation, und für einen Studenten der Technischen Informatik war es das Paradies mit Stundenlohn: Wir entwickelten Platinen, brannten EPROMs, bauten Schaltungen – richtige Hardware für richtige Industrieanlagen. Ich kam früh mit dem Anlagenbau in Berührung, wurde ordentlich bezahlt und hielt mich damit durchs Studium über Wasser. Während andere Kommilitonen kellnerten, lötete ich. Ich habe nie verstanden, warum das als Glücksfall gilt und nicht als Selbst- verständlichkeit: Man liess mich für Geld genau das tun, was ich ohnehin am liebsten tat.
Mit dem Kommilitonen verband mich übrigens noch etwas, das mit Elektronik nichts zu tun hat: Billard. Gespielt – und mit Begeisterung geschaut – hatte ich schon seit meinem vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahr. Er aber machte aus der Leidenschaft eine Disziplin: regelmässiges Spiel, mit den Jahren auf einem Niveau, das ich hier bescheiden ein stark ausgebildetes Hobby nennen will. Mehr sage ich dazu nicht; Sie kennen den Vorhang. Grüner Filz, Kreide, das trockene Klacken der Kugeln: Das wurde mein lebenslanger Begleiter und – das darf ich vorwegnehmen – mein privater Lackmustest für jedes neue Zuhause auf diesem Planeten. Eine Stadt, in der ich keinen Billardtisch in erreichbarer Nähe fand, hatte mich noch nicht wirklich aufgenommen. Es hat, so viel sei verraten, am Ende jede geschafft.
Nach dem Diplom folgte dann ein kurzes Kapitel, über das ich – Sie ahnen es – nicht allzu viel sagen werde. Einige Monate arbeitete ich als Softwareentwickler für das Auswärtige Amt in Bonn. Es war ein Bereich, den man heute «Security» nennen würde. Ich durchlief eine Sicherheitsüberprüfung und bekam anschliessend Dinge zu sehen, über die man nicht sprach, und Informationen, die man nicht verwenden durfte. Mehr steht dazu nicht in diesem Buch, und mehr stand dazu auch nie in meinem Lebenslauf – dort heisst es bis heute lapidar: «Details können nur im Gespräch erläutert werden.» Ich habe diesen Satz immer gemocht. Er ist das Berufslebens-Äquivalent eines zugezogenen Vorhangs.
Eines aber darf erzählt werden, weil es den weiteren Weg erklärt: Im Amt arbeitete ich mit Menschen, die halb ihr Leben im Ausland verbracht hatten. Sie erzählten von Postings in fernen Hauptstädten, als andere von Pendlerstrecken erzählen. Der alte Drang, der auf einer Rückbank in Nairobi geboren worden war, bekam hier kräftig Futter.
Danach ging es zum Luchterhand-Verlag nach Neuwied – juristische Fachliteratur, was zunächst nach dem exakten Gegenteil von Abenteuer klingt. War es aber nicht. Der Verlag stand an einer Zeitenwende: Aus Büchern sollten CD-ROMs werden, und aus CD-ROMs, wenn man genau hinsah, noch etwas viel Grösseres. Wir bauten eine SGML-basierte Engine, die aus strukturierten Texten auf Knopfdruck juristische Dokumente erzeugte – eine Maschine, die Paragrafen verstand. Und weil SGML der Sprache HTML zum Verwechseln ähnlich sieht, lag der nächste Gedanke für uns auf der Hand, während er den meisten Verlagen noch als Science-Fiction galt: Dasselbe Prinzip, aber als Webseiten. Im Internet. Wir hatten das – halbe Kinder, die wir waren – längst auf dem Schirm, als «das Internet» für die meisten Deutschen noch ein Rauschen im Telefonanschluss war.
Für mich persönlich war Luchterhand ein Sprung: erste objektorientierte Programmierung, aussergewöhnlich talentierte Kollegen, echte Software-Architektur. Von Bad Honnef nach Neuwied sind es nur ein paar Kilometer den Rhein hinauf. Gefühlt bin ich in diesem Jahr trotzdem weiter gereist als je zuvor – nur eben nach innen, in die Maschine hinein.
Drei Stationen, drei Welten: Fabrikhallen, Amtsstuben, Verlagswesen. Was fehlte, war ein Ort, an dem alle Fäden zusammenliefen. Er sollte sich bald melden. Genauer gesagt: Er rief an.

Der Kommilitone. Ich hatte Sie gewarnt.
Er, der mich einst zum Ingenieurbüro mitgenommen hatte, war inzwischen bei einer führenden Beratung gelandet – ihr Name tut hier nichts zur Sache, es genügt zu wissen: Sie machte weltweit Telekommunikationsprojekte. Eines Tages meldete er sich: «Wir suchen noch Leute.» Gesucht wurde jemand für die interne IT, als Administrator. Nicht gerade die grosse weite Welt – aber im Bewerbungsgespräch fiel ein Satz, der alles entschied: Es gebe dort immer wieder Möglichkeiten, im Ausland zu arbeiten.
Es gibt Momente, in denen ein einziger Satz einen Funken wirft. Dieser war so einer. Das Angebot war gut, ich sagte zu, und 1997 begann ich bei der Beratung – damals noch mit Hauptsitz in Ramersdorf bei Bonn, das Fernweh und ich also weiterhin in Sichtweite des Rheins – als Administrator mit Fernweh.
Die interne IT hielt mich nicht lange. Ich rutschte schnell ins Consulting, und nebenbei geschah etwas, das einen weiteren Lebensfaden spann: Ich erbte ein paar tausend Mark – es war tatsächlich noch die gute alte D-Mark – und investierte sie an der Börse. Es war die Zeit, in der die Telekom-Aktie zur Volksaktie wurde und ganz Deutschland plötzlich über Kurse sprach wie sonst über Fussball. Was mich packte, war weniger das Geld als das Prinzip: Geld zu verdienen, indem man – nun ja – nichts tut. Nur denken, abwägen, entscheiden. Ich fand die Idee grossartig. Ich finde sie bis heute grossartig, und wir kommen am Ende dieses Buches noch einmal darauf zurück.
Und dann kam der Anruf, der die Tür zur Welt endgültig aufstiess. Ein Kollege fragte: «Willst du nach Papua-Neuguinea?» Ich sagte sofort ja. Dann erst suchte ich auf der Karte, wo Papua-Neuguinea überhaupt liegt. In dieser Reihenfolge. Ich empfehle diese Reihenfolge übrigens ausdrücklich – wer erst nachschaut, sagt am Ende noch ab.
Der Einsatz drehte sich um ein Thema, das heute niemand mehr kennt und das damals die halbe Welt in Atem hielt: den Jahr-2000-Bug. Niemand wusste mit Sicherheit, ob die Telefonnetze den Sprung ins neue Jahrtausend überleben würden – und in Bonn hatte man ein sehr handfestes Interesse an einer Vorwarnung. Der Clou: Papua- Neuguinea liegt der Zeit elf Stunden voraus. Wenn dort um Mitternacht die Netze hielten, wusste man in Bonn schon mittags, was der Silvesterabend bringen würde. So kam es, dass ich den letzten Silvester des Jahrtausends am Telefon verbrachte, gegen zwölf Uhr mittags deutscher Zeit, und mit den Kollegen in Port Moresby durchging, ob das neue Jahrtausend angekommen war. Es war. Die Netze hielten. Die Welt ging nicht unter, und wir hatten es als Erste gewusst.
Vor Ort war die Lage weniger heiter. Unser Abflug war kurzfristig verschoben worden – «kommt erst mal nicht», hiess es, Begründung folge. Die Begründung erfuhren wir erst in Port Moresby, und sie war von der Sorte, die man lieber vorher gewusst hätte: Bewaffnete waren in das Hauptquartier unseres Kunden eingedrungen, bis hinauf in die Chefetage. Es hatte Schüsse gegeben. Papua-Neuguinea galt damals als eines der gefährlichsten Länder der Welt, und es gab sich redlich Mühe, dem Ruf gerecht zu werden.
Wie sehr, zeigte sich am 17. Dezember 1999, und diesmal sass ich in der ersten Reihe. Direkt vor unserem Hotel lag eine Bank. An jenem Vormittag landete auf ihrem Dach ein Helikopter – entführt, besetzt mit fünf Männern in Armeeuniformen, bewaffnet bis unter die Rotorblätter. Was sie nicht wussten: Die Polizei war gewarnt, und in der Bank warteten verdeckte Beamte. Es kam zum Feuergefecht, die Räuber flüchteten zurück aufs Dach, der Helikopter hob ab – und wurde vom Boden aus abgeschossen. Er stürzte auf die Strasse. Keiner der fünf überlebte. Ich habe das alles aus nächster Nähe miterlebt, vom Hotel aus, mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und der seltsamen Ruhe, die einen in solchen Momenten befällt. Abends rief meine damalige Freundin an: «Du glaubst nicht, was gerade im Fernsehen kam – in Papua-Neuguinea wurde eine Bank überfallen!» Ich sagte: «Du glaubst nicht, wer das live gesehen hat.»
Man könnte meinen, das hätte mich abgeschreckt. Das Gegenteil war der Fall. Es gab sogar einen zweiten Einsatz in Papua-Neuguinea, und geflogen bin ich – dank Meilenkonto und eines gnädigen Upgrades – hin und zurück First Class, mit Zwischenstopps in Manila und Brisbane. Ganz grosses Kino, in jeder Hinsicht.
Auf dem Rückflug, irgendwo über dem Indischen Ozean, war die Sache entschieden. Ich hatte Blut geleckt. In Deutschland arbeiten? Das würde nichts mehr werden. Ich musste in die Welt.

Die Welt liess sich nicht lange bitten. Anfang der Nullerjahre ging es zum ersten Mal richtig hinaus – nicht als Reise mit Rückflugdatum im Kalender, sondern auf Posten: Daressalam, Tansania. Die TTCL, die nationale Telefongesellschaft des Landes, suchte einen Operations Manager. Es wurden knapp zwölf Monate. Ein kurzes Kapitel also – und doch jenes, in dem alles Weitere bereits angelegt lag: die erste Stelle im Ausland, die erste Telefongesellschaft Afrikas, und der Anfang jener rund zehn Jahre, die mir den Kontinent auf die Stirn stempeln sollten.
Gewohnt habe ich in einer Wohnung, die ich mir nicht hätte ausdenken können: direkt am Meer, und zwar so direkt, dass das Wasser bei Wellengang gegen die Wohnzimmerwand schlug. Der Vermieter besass einen Katamaran; an den Wochenenden segelten wir hinaus. Der Junge, der zwanzig Jahre zuvor Kassettenrekorder zu Datenspeichern umgebaut hatte, sass nun vor Ostafrika auf einem Katamaran und fand das, wie er zugeben muss, vollkommen in Ordnung.
Und dann die Safaris. Tiere hatte ich bis dahin im Zoo gesehen, im Fernsehen, in Büchern – und war völlig unvorbereitet darauf, was es mit einem macht, ihnen in freier Wildbahn zu begegnen: die Fahrten in den Norden, Arusha, der Ngorongoro-Krater, diese Weite, in der man aufhört, sich für das Mass der Dinge zu halten. Einmal blieben wir mit dem Auto in der Wildnis liegen, mitten in der Nacht, und binnen kurzem standen die Hyänen im Kreis um uns herum. Ich vermerke der Ordnung halber, dass sich auch in jener Nacht das Gefühl, das dieses Buch im Titel führt, nicht zuverlässig einstellen wollte. Es war einfach zu grossartig.
Und dann war da der Ausflug, den ich seither auf jeder zweiten Einladung erzähle. Ein einheimischer Freund nahm mich mit in sein Dorf. Unterwegs hielten wir irgendwo an, es gab Lehmhütten, ein Feuer, Tänze – keine Folklore-Vorführung für Touristen, sondern schlicht das Leben, wie es dort gelebt wurde. Ich stand daneben und begriff, wie weit ein Rheinländer reisen kann, ohne den Planeten zu verlassen. Auf der Rückfahrt desselben Ausflugs fragte mich mein Freund dann beiläufig, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er noch eine Ziege mitnehme. Ich gab zu bedenken, dass man eine Ziege schlecht ins Auto packen könne. «Keine Sorge», sagte er, «die ist tot.» Na dann – etwas Fleisch, warum nicht; ich hoffte nur laut, dass es unterwegs nicht verdirbt. Genau deshalb, erklärte er mir geduldig, komme sie ja aufs Dach. Und so fuhren wir heim: mit einer Ziege auf dem Dach, die noch so frisch war, dass ihr Blut in dünnen Bahnen an den Autofenstern hinunterlief. Ich sass darunter und begriff die Lektion dieses Tages: Was dem einen ein unfassbares Erlebnis ist, ist dem anderen schlicht der Wocheneinkauf.
Nach knapp einem Jahr war der Auftrag zu Ende, und ich flog zurück. Was blieb, war kein Zeugnis und keine Beförderung, sondern etwas Hartnäckigeres: Afrika hatte mich gepackt und liess nicht wieder los. Ich wusste damals nicht, dass ich zurückkommen würde. Ich wusste nur, dass ich wollte.

Ich kam schneller zurück, als ich gedacht hatte. 2003 schickte mich die Beratung nach Kampala, Uganda – zunächst als Security Manager bei der nationalen Telefongesellschaft. Aus den geplanten Monaten wurden am Ende fünf, sechs Jahre, und aus dem Security Manager wurde etwas, das ich nie geplant hatte: Als der damalige CIO – ebenfalls ein Mann unserer Beratung – das Projekt verliess, war es der Kunde selbst, der auf mich zeigte: Man war dort offenbar zu der Ansicht gelangt, die ideale Besetzung für die Rolle sitze bereits im Haus. Ich habe der Ansicht nicht widersprochen. Und so war der Junge aus Bad Honnef plötzlich Chief Information Officer einer afrikanischen Telefongesellschaft, mit echtem Budget, echter Personalverantwortung und einem Schreibtisch, an dem die Probleme keine Übungsaufgaben mehr waren.
Ich habe in diesen Jahren zwei Dinge über mich gelernt. Erstens: Ich kann mit Menschen. Was immer «Empathie» genau ist – es schien davon genug vorhanden zu sein, dass Menschen gern mit mir arbeiteten, quer durch alle Kulturen und Hierarchien. Zweitens, und das überraschte mich selbst: Macht macht mir nichts. Der Titel, der Dienstwagen-Ernst, das Chefgehabe – nichts davon setzte sich bei mir fest. Als das Kapitel Jahre später endete und ich wieder ein ganz normaler Berater wurde, empfand ich das weder als Abstieg noch als Erleichterung – vor Verantwortung bin ich nie davongelaufen. Es war eher eine Bestätigung dessen, was ich im Kern bin: der Junge, der an Radios schraubt. Nicht mehr, nicht weniger. Ich hatte bewiesen, dass ich das andere kann – und begriffen, dass ich es nicht zum Leben brauche. Ich glaube, diese Kombination ist selten, und ich glaube, sie hat mir mehr Türen geöffnet als jedes Diplom.
In Kampala bekam ausserdem etwas einen Namen, das mich von da an durch jede Station begleiten und mit jeder wachsen sollte: die Leidenschaft, Strategien nicht nur zu entwerfen, sondern sie umzusetzen. Papier ist geduldig; Organisationen sind es nicht. Eine Strategie auf Folien ist ein Versprechen – interessant wird es dort, wo aus dem Versprechen Wirklichkeit werden muss. Und Wirklichkeit wird sie ausschliesslich durch Menschen: durch die, die zweifeln, die sich fürchten, die schon drei gescheiterte Umbauten erlebt haben und beim vierten müde abwinken. Genau diese Menschen durch die Veränderung zu tragen – das wurde mein Handwerk, und die Rückbank in Nairobi, das Krankenhaus, die Empathie, von der ich eben sprach: Rückblickend hat alles darauf hingearbeitet.
Mein Prinzip war damals schon dasselbe wie heute: Wo ich gerade bin, da bin ich zu Hause. Ob ein Monat oder fünf Jahre – ich versuche vom ersten Tag an, dort zu leben, nicht nur zu arbeiten. In Kampala hiess das: nah bei den Einheimischen wohnen, in ihr Leben eintauchen, dazugehören – und selbstverständlich zügig herausfinden, wo der nächste Billardtisch stand. Der Lackmustest, Sie erinnern sich. Kampala bestand ihn mühelos. Das ging so weit, dass dort mein erster Sohn geboren wurde: Kian – halb Rheinländer, halb Ugander, und wie ich finde mit einer sehr gesunden Hautfarbe gesegnet. Die Beziehung hielt nicht, aber Kian blieb. Er ist heute ein junger Mann, der in England studiert, seinen Vater regelmässig besucht – und auf den ich unendlich stolz bin.

Viel mehr Familie kommt in diesem Buch nicht vor – nur dies: Meine Mutter hat mich in Uganda einige Male besucht, und ich glaube, sie hat dort einiges über ihren dritten Sohn verstanden, was ihr im Rheinland rätselhaft geblieben war.
Und in diese Jahre fiel auch der Tod meines Vaters. Er ging viel zu früh. Der Mann, der mich einst mit einem beiläufigen Vorschlag ins Transformatorenwerk geholt und damit, ohne es zu ahnen, diese ganze Geschichte angestossen hatte, konnte ihr nicht mehr lange dabei zusehen, wie sie über die Kontinente sprang. Ich war weit weg, als es geschah. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass das Leben mir diese Rechnung aufmachte – aber davon an anderer Stelle. Hier soll nur stehen: Er fehlt.
Uganda selbst erzähle ich am liebsten in zwei Bildern.
Bild eins: Ein Freund hatte von seinem Vater, der kurz zuvor gestorben war, eine Kaffeeplantage geerbt – weit draussen, in einem abgelegenen Dorf – und wollte sie mir zeigen. Wir kamen erst in der Nacht an, und unterwegs erklärte er mir in aller Ruhe die Lage: Sein Vater habe beileibe nicht nur Freunde gehabt, im Gegenteil, an Feinden habe es nie gemangelt. Wir sollten besser nirgends lange stehen bleiben – es wäre, so wörtlich, nicht verwunderlich, wenn man uns etwas antun wolle. Mit dieser Gutenachtgeschichte im Ohr bezogen wir das Haus, und vor dem Schlafengehen zeigte man mir mit ernster Miene, wo Pfeil und Bogen lagen – zur Verteidigung, falls nachts jemand einbräche. Ich habe in jener Nacht, sagen wir, aufmerksam geschlafen. Am Tor hatte sich mein Gastgeber zuvor noch lautstark darüber geärgert, dass der Security Guard eine Ewigkeit brauchte, um zu öffnen. Am nächsten Morgen sah ich das Anwesen im Tageslicht: Da war ein Tor, ein stattliches sogar. Links und rechts davon war – nichts. Keine Mauer, kein Zaun, freie Wiese. Man hätte mit einem Reisebus daran vorbeifahren können. Ich frage mich bis heute, wozu das Tor da war, wozu der Guard da war und warum bei alledem Pfeil und Bogen nicht einfach am Tor lehnten. Afrika hat mir viele Rätsel aufgegeben. Dieses ist mein liebstes.
Bild zwei ist weniger heiter. Es gab Wahlen, und Wahlen waren dort nie nur Wahlen: Es gab Unruhen, brennende Fahrzeuge, Rauch über der Stadt. Das Telefonhaus einer Telefongesellschaft ist in solchen Momenten kein Bürogebäude, sondern strategisches Terrain – wer die Kommunikation kontrolliert, kontrolliert viel. Eines Tages drangen Aufständische unten ins Gebäude ein, während wir oben arbeiteten. Auf dem Dach roch man das Tränengas der Polizei, die uns freizuhalten versuchte. Wir kamen heil davon. Aber ich verstand in diesen Tagen zum ersten Mal am eigenen Leib, was ich später noch oft erfahren sollte: Man kann sich für Politik nicht interessieren, so viel man will – wenn man nur nah genug an der Infrastruktur eines Landes arbeitet, dann interessiert sich die Politik irgendwann für einen selbst.
Dazwischen war das Leben oft schlicht wunderbar. Kampala war eine warmherzige, lebendige Stadt, in der man sich frei bewegen konnte. Selbst der Kommilitone – Sie erinnern sich – hielt seine schönste Tradition aufrecht: Er besuchte mich jedes Jahr zu meinem Geburtstag, wo immer ich gerade war. Notfalls eben in Kampala. Solche Freundschaften halten Kontinente aus; merken Sie sich auch das, es wird noch wichtig. Zur Fussball-WM 2006 stellte ich zu Hause einen Beamer auf, die afrikanischen Freunde und Kollegen kamen, Deutschland spielte sich ins Sommermärchen, und wir feierten in Kampala, als läge das Dorf im Rheinland gleich um die Ecke. Und als 2007 ein gewisses Telefon auf den Markt kam, hielt ich bald darauf mein erstes iPhone in der Hand – ausgerechnet in Ostafrika, mitten im grössten Mobilfunk-Boom, den ein Kontinent je erlebt hat. Für den Jungen, der einst Radios aufschraubte, war das doppelt surreal: ein Computer, ein Telefon und ein Fenster zur Welt in einer Handfläche – und drum herum ein Kontinent, der das Festnetz einfach übersprang und direkt in die Zukunft telefonierte. Als CIO mittendrin zu stehen war das Paradies. Ein anstrengendes, verantwortungs- schweres, gelegentlich tränengasgeschwängertes Paradies – aber das Paradies.

2008 endete das Kapitel Kampala, und ich tat etwas, das in Karriereratgebern vermutlich als Fehler gilt: Ich gab den C-Level-Posten ab und freute mich darauf. Kein Fahrer, kein Vorzimmer, keine fünfhundert Bittsteller – wieder ein ganz normaler Berater sein, ein Problem lösen, weiterziehen. Ich habe es keine Sekunde bereut. Wer einmal erlebt hat, wie leicht sich ein Rucksack trägt, wenn man den Schreibtisch abgegeben hat, versteht das sofort.
Das neue Projekt hiess «Harmonized Contracts and Pricing» und gehörte zur T-Systems: eine grosse, internationale Transformation mit dem Ziel, Verträge und Preismodelle über Ländergrenzen hinweg zu vereinheitlichen. Ich war stellvertretender Programmleiter, und mein Revier waren Österreich, die Niederlande, Grossbritannien und Tschechien. Es war die Zeit nach der Finanzkrise, Europa sortierte sich neu, und ich sortierte mit – Verträge, Preise, Prozesse, Land für Land. Es war die nächste grosse Transformation in meiner Sammlung, und das Muster bestätigte sich: Strategien entwerfen können viele. Sie durch eine Organisation zu tragen – durch Widerstände, Ermüdung und die leise Angst aller Beteiligten, am Ende wegrationalisiert zu werden – das ist das eigentliche Handwerk. Es hat mich nie wieder losgelassen.
Es war, nach den ugandischen Jahren, ein beinahe komisch geordnetes Leben: montags Flughafen, unter der Woche Wien oder Amsterdam oder London oder Prag, freitags zurück, Wochenende zu Hause. Kein Tränengas, keine Pfeile, keine Bögen – die grösste Gefahr war ein verpasster Anschlussflug. Und doch war es genau richtig: Ich war wieder näher bei meinem Sohn, ich sah ihn regelmässig, und ich lernte eine Sorte Ausland kennen, die mit Currywurst am Flughafen beginnt und mit Room Service endet. Ausland light, gewissermassen. Es sollte eine Erholungspause bleiben – die Welt hatte mich schliesslich nicht deshalb angefixt, damit ich sie aus Konferenzräumen mit Blick auf andere Konferenzräume betrachte.
Die Erholungspause endete mit einem Satz, den ich inzwischen kannte. Das Projekt lief noch, da fragte man mich, ob ich Lust hätte, wieder nach Afrika zu gehen. Ich hatte inzwischen, wie man mir versicherte, «den Afrika-Stempel auf der Stirn» – offenbar gut sichtbar. Und das nächste Ziel hatte es in sich.
Angola. Vier Jahre. Und damit eine Stadt, die in jenen Jahren zwei Superlative gleichzeitig hielt: Luanda war die teuerste Stadt der Welt – vor Tokio, vor Genf, vor allem, was man für möglich hielt – und zugleich eine der gefährlichsten. Der Ölboom pumpte Geld in ein Land, in dem der Bürgerkrieg gerade erst Geschichte geworden war; im Supermarkt kostete die importierte Gurke so viel wie anderswo das Mittagessen, und die Regale waren trotzdem oft leer. Champagner gab es fast immer. Prioritäten.
Ich kam als technischer Projektleiter für eine grosse Transformation bei der staatlichen Telefongesellschaft – wieder einmal ein Land, wieder einmal alles neu: neue Kultur, neue Spielregeln und mit dem Portugiesischen eine Sprache, von der ich bis heute nur ein paar höfliche Brocken beherrsche. Und zum ersten Mal in meinem Leben eine Stadt, in der die Angst zum Alltag gehörte wie das Wetter.
Die Beratung gestand ihren Afrika-Veteranen eine eigene Wohnung zu – und zu denen zählte ich inzwischen; die übrigen Kollegen blieben aus Sicherheitsgründen im Hotel. Für mich war das keine Randnotiz, sondern eine Grundsatzfrage: Wer im Hotel wohnt, ist zu Besuch. Ich wollte, wie immer, zu Hause sein. Also Wohnung, also Alltag, also Leben – mit allem, was in Luanda dazugehörte. Und dazu gehörte, der Lackmustest hätte es nicht schöner fügen können, eine richtig gute Billardbar fast in Fussnähe der Wohnung: viele Tische, gutes Tuch, alles, was dazugehört. Luanda hatte den Test damit im Handstreich bestanden.
Dazu gehörte zum Beispiel dies: Man steht im Stau – und in Luanda steht man immer im Stau – und der Blick geht automatisch in den Rückspiegel. Jedes Motorrad, das sich zwischen den Autos nach vorn schlängelt, ist ein Kandidat. Das übliche Verfahren war effizient und beinahe geschäftsmässig: zwei Mann auf der Maschine, sie halten auf deiner Höhe, eine Waffe zeigt durchs Fenster, das Fenster geht runter. Für diese Begegnungen hatte man ein Protokoll, das jeder Expat beherrschte: immer hundert Dollar in der Brusttasche, immer ein altes Telefon griffbereit im Auto. Übergeben, nicken, weiterfahren. Die Herren hatten es ebenso eilig wie man selbst – es war, wenn man so will, die schnellste Transaktion der Stadt, und beide Seiten kannten den Kurs. Es ist mir mehr als einmal passiert. Auch mit der Waffe direkt am Kopf. Ich erzähle das heute mit einem Schmunzeln, und das ist keine Verdrängung, sondern das eigentliche Souvenir dieser Jahre: Ich habe in Luanda gelernt, mit der Angst umzugehen. Sie war da, jeden Tag. Man verhandelt mit ihr, man gibt ihr ihre hundert Dollar, und dann arbeitet man weiter.
Afrika verlangte diesmal auch körperlich Tribut: In Angola hatte ich meine erste Malaria. Sie hat mich ordentlich durchgeschüttelt und mir in Erinnerung gerufen, dass der gefährlichste Bewohner des Kontinents weder Waffen trägt noch Motorrad fährt, sondern summt.
Beruflich war es ein Ritt durch ein System, in dem Korruption kein Skandal war, sondern Betriebsklima, und in dem die Politik – wie immer – im Raum stand, auch wenn sie nicht eingeladen war. Man lernt, sich zu bewegen, ohne sich zu verbiegen: Es gibt Hände, die man schüttelt, und Hände, in die nichts hineingehört, und die Kunst besteht darin, den Unterschied zu kennen, bevor man die Hand ausstreckt.
Wie gefährlich Luanda wirklich war, lässt sich übrigens an einer einzigen Personalie ablesen: Der jährliche Geburtstagsbesuch des Kommilitonen – jene Tradition, die drei Jahrzehnte und einen Kontinent überstanden hatte und selbst vor Kampala nicht zurückschreckte – endete mit Angola. Kommentarlos. Er ist seither auch nicht wieder aufgenommen worden, was ich ihm nicht übel nehme: Es gibt keine ehrlichere Reisewarnung, als wenn der treueste Besucher der Welt einfach aufhört zu kommen.
Und trotzdem – auch das gehört zur Wahrheit: Luanda war nicht nur Angst und Rückspiegel. Es war auch eine Partystadt, laut, lebenshungrig, voller Musik, wie es nur Städte sind, die wissen, wie schnell alles vorbei sein kann. Und da war ja die Billardbar um die Ecke – der Ort, an dem die Angst Pause hatte: Wer über einen Stoss gebeugt steht, schaut ausnahmsweise nicht in den Rückspiegel.

Kampala war die Stadt, in der man sich frei bewegte; Luanda war die Stadt, in der man genau wusste, wo nicht. Dazwischen lag ein ganzer Kontinent an Erfahrung.
Nach vier Jahren, Ende Oktober 2014, packte ich die Koffer. Knapp zehn Jahre Afrika lagen nun hinter mir – Uganda, Angola, dazwischen Abstecher nach Kenia und mehrmals nach Südafrika, die hier nur als Nebensätze durchs Bild laufen dürfen, weil sie es selbst so wollten: kurze Episoden, freundliche Fussnoten. Der Kontinent, der mich auf einer Rückbank in Nairobi mit einem Haken versehen hatte, liess mich ziehen. Aber er blieb, wie Haken das so an sich haben, gut verankert.
Was ich damals nicht wusste: Das nächste Kapitel würde nicht mit einem Land beginnen, sondern mit einem Menschen.
Direkt aus Angola kommend, noch mit dem Staub Luandas im Gepäck, schickte man mich für einen Kurzeinsatz nach Jakarta. Oktober bis Dezember 2014, über Weihnachten nach Hause, danach gleich noch einmal ein paar Monate – Indonesien, das Land meiner alten Rucksacktour, diesmal mit Anzug im Koffer. Es war nur eine kurze Episode, ein paar Monate zwischen zwei grossen Kapiteln. Aber kurze Episoden haben in meinem Leben die Angewohnheit, die wichtigsten zu sein: In Jakarta fand ich die Liebe meines Lebens. Sie bekommen von mir keine Details – Sie kennen inzwischen den Vorhang. Aber diese vier Worte sollen ausnahmsweise unvernebelt dastehen, denn genauer kann ich es nicht sagen. Davon später mehr.

Und nebenbei kam ich dort dem asiatischen Management unserer Beratung näher, das in Bangkok sass. Auch das eine Saat, die aufgehen sollte.
Zunächst aber klingelte – ich war gerade im Hotelzimmer in Jakarta – die Schweiz an. Die SBB suchten jemanden für den Betrieb eines Systems, bei dem einem Deutschen ehrfürchtig der Atem stockt: das Rail Control System, die zentrale Steuerung des Schweizer Zugverkehrs. Das Interview führte ich per Telefon aus dem Hotelzimmer, zwischen Jakartas Dauerstau und Klimaanlagenrauschen. Man war offenbar angetan.
Was folgte, war das logistischste Wochenende meines Lebens, und ich erzähle es gern im Rhythmus eines Filmtrailers: Freitagabend Abflug in Jakarta – mangels jeder anderen buchbaren Verbindung mit Umweg über Taiwan, denn wenn schon Eile, dann bitte mit Schleife. Samstagnachmittag Landung in Deutschland. Koffer eins ausgepackt, Koffer zwei gepackt. Sonntag Flug in die Schweiz. Montagmorgen, mit einem Jetlag von gefühlt drei Zeitzonen gleichzeitig, erster Arbeitstag bei der SBB in Bern. Hollywood hätte es nicht dichter geschnitten.
Was der Trailer unterschlägt: Am Samstagabend schob ich noch ein Abendessen und einen Kinobesuch mit meinem ältesten Bruder ein. Orientalisch im Restaurant, Science-Fiction im Kino. Wir sahen «Interstellar» – meinen Lieblingsfilm, den ich in Jakarta bereits fünfmal im Kino gesehen hatte, weil er mich so ergriffen hatte, dass ich sichergehen wollte, ihn auch wirklich verstanden zu haben. Dieses sechste Mal sollte nicht das letzte bleiben; weitere folgten, später auch gemeinsam mit meinem Sohn Kian, den der Film nicht weniger gepackt hat als mich. Ob ich ihn inzwischen «schon» verstanden habe, ist bis heute nicht abschliessend geklärt.
Und dann: Bern. Nach Kampala, Luanda und Jakarta war Bern eine Stadt wie ein tiefes, ruhiges Ausatmen. Alles funktionierte. Alles war sauber. Die Züge fuhren – natürlich fuhren sie, ich half ja jetzt mit – auf die Minute. Nach Städten, in denen der Verkehr ein Kampfsport und Elektrizität eine Verhandlungssache war, wirkte diese gemächliche Perfektion auf mich fast exotisch. Ich habe Bern lieben gelernt, seine Lauben, seinen Fluss, sein Tempo, und ich liebe es bis heute.
Von April bis Ende Dezember 2015, also gut ein Dreivierteljahr, half ich mit, das Nervensystem der Schweizer Bahn am Laufen zu halten – agil organisiert, hochkomplex, und mit einer Fehlertoleranz, die gegen null tendierte, weil dieses Land Verspätungen nicht als Schicksal, sondern als Skandal begreift. Es war grossartige, konzentrierte Arbeit mit grossartigen Leuten.
Gegen Ende machte mir der Chef unserer Schweizer Landesgesellschaft ein Angebot: Bleib doch. Komm zu uns. Die Schweiz, das darf man nicht vergessen, ist für einen Deutschen ja auch Ausland – es wäre also kein Verrat am Lebensmotto gewesen. Aber es war zu früh. Denn da war ja diese Geschichte, die in Jakarta begonnen hatte. Und da war Bangkok, das rief – unser Asien-Ableger suchte Verstärkung, Asien lag plötzlich wieder auf dem Tisch, und in mir meldete sich etwas, das seit der Rucksacktour über Java geduldig gewartet hatte.
Ich schlug das Schweizer Angebot aus – freundlich, dankbar und in völliger Unkenntnis der Tatsache, dass ich es acht Jahre später doch noch annehmen würde. Manche Angebote sind wie das Tattoo aus meiner Jugend: Man wird sie einfach nicht wieder los. Beim Tattoo ärgert mich das bis heute. Für dieses Angebot sollte ich acht Jahre später sehr dankbar sein.
Bangkok also. Asien. Diesmal richtig.
2016 zog ich nach Bangkok, ins Asien-Headquarter unserer Beratung – und es fühlte sich an wie ein Flashback. Die frühen Reisen, Thailand, die Fähren nach Bali: Asien hatte mich als jungen Rucksackreisenden verzaubert, dann hatten mich zehn Jahre Afrika-Stempel davon ferngehalten, und nun stand ich wieder hier, diesmal mit Visitenkarte. Es passte auch privat: Jakarta, wo die erwähnte Geschichte spielte, war von Bangkok aus ein Katzensprung – jedenfalls verglichen mit allem, was vorher dazwischen lag.
Bangkok als Wohnort ist eine eigene Liebeserklärung wert. Ich kenne keine Stadt, die auf so engem Raum so viel Leben bereithält: Tempel neben Hochhäusern, Garküchen neben Rooftop-Bars, Jahrtausende neben Neonlicht. Was immer einem der Kopf gerade verlangte – Kultur, Moderne, Nachtleben, Stille –, es lag höchstens eine Taxifahrt entfernt, und meistens nicht einmal das. Ich habe die Lebensqualität dieser Stadt in vollen Zügen genossen und nebenbei kulturell wieder einen ganzen Kontinent dazugelernt.
Gearbeitet wurde von Bangkok aus in der halben Region: Due Diligence auf den Philippinen, wo zwei Telekom-Riesen ihre Netze zusammenlegten; ein OSS-Grossprojekt in Kuala Lumpur; die Fusion zweier Staatsunternehmen in Bangkok selbst; dazwischen Singapur und – der Vollständigkeit halber, als Nebensatz, wie versprochen – noch einmal ein paar Wochen Südafrika. Draussen in der Welt stimmte derweil Grossbritannien für den Brexit und Amerika für Donald Trump; ich verfolgte beides aus tropischer Distanz mit dem milden Erstaunen eines Mannes, der gelernt hatte, dass Politik einen ohnehin findet, wenn sie einen braucht.

Und dann bahnte sich das nächste grosse Kapitel an: Brunei. Ein kleines, sehr wohlhabendes, sehr muslimisches Sultanat auf Borneo suchte jemanden für eine sehr grosse Aufgabe – die Einzelheiten hebe ich mir fürs nächste Kapitel auf. Hier ist nur eines wichtig: In Brunei lebt man nicht unverheiratet zusammen. Punkt. Wer als Paar dorthin geht, geht als Ehepaar dorthin.
So kam es, dass die Liebe meines Lebens und ich im Jahr 2018, kurz vor dem Umzug, ein Standesamt aufsuchten. Es war eine schlichte Zeremonie, effizient und herzlich, und sie hatte eine Kulisse, die uns kein Hochzeitsplaner der Welt hätte verkaufen können: Auf den Monitoren im Hintergrund lief Thaiboxen. Während wir uns das Jawort gaben, gingen hinter uns Männer mit Ellbogen und Knien aufeinander los. Ich habe mir sagen lassen, es gebe romantischere Hochzeiten. Ich bezweifle, dass es ehrlichere gibt: Die Ehe, so verstanden wir die Botschaft der Monitore, ist ein Kontaktsport, und man gewinnt sie in Runden.
Meine Frau – sie bleibt in diesem Buch namenlos, aber sie ist auf jeder der folgenden Seiten dabei – packte also mit mir die Koffer. Ziel: Bandar Seri Begawan, Brunei Darussalam. Es sollte die grösste Aufgabe meines Berufslebens werden.
Brunei war zunächst ein Projekt wie andere auch: eine lange Akquise-Phase, Konzepte, Präsentationen, Geduld. Dann nahm die Sache eine persönliche Wendung. Der Mann, der dort CEO werden sollte, war über die Jahre fast ein Freund geworden – und er fragte mich, ob ich unter seiner Führung die Rolle des Chief Operations Officer übernehmen wolle. Bei Unified National Networks, kurz UNN: dem Unternehmen, das die gesamte Telekommunikationsinfrastruktur des Landes betreiben sollte. Das ganze Land. Alle Netze. Und dann der Teil, der die Sache von allem abhob, was ich vorher gemacht hatte: Dieses Unternehmen gab es noch gar nicht. Es zu bauen war der Auftrag – ein Startup, dessen Gegenstand die Grundversorgung eines Staates war. Ich sagte zu – aus Überzeugung und Freundschaft, und in dem klaren Bewusstsein, dass dies die grösste Verantwortung sein würde, die ich je getragen hatte.
Denn verantwortlich war der COO für den gesamten Betrieb sämtlicher Netze des Landes: Festnetz, Mobilfunk, die internationalen Verbindungen – alles, was auch nur entfernt nach Technik roch, landete am Ende auf diesem einen Schreibtisch. «24/7» beschreibt einen solchen Job nur unzureichend; ehrlicherweise verkauft man ihm für ein paar Jahre sein Leben. Ich habe es mit offenen Augen getan.
Die nackten Zahlen: über fünfhundert Mitarbeiter, acht Direct Reports, ein Jahresbudget in einer Höhe, bei der man beim ersten Lesen die Währung überprüft. Der Auftrag: die Netze eines ganzen Staates modernisieren – drei alte Mobilfunknetze zu einem zusammenführen, den Weg für 5G bereiten, Rechenzentren, Cloud, Cyber Security, und das alles in einem Modell, das weltweit seinesgleichen suchte: eine Infrastruktur für alle, auf der die Anbieter fair konkurrieren. Dazu ein Programm, auf das ich bis heute besonders stolz bin: einheimische Führungskräfte aufbauen, systematisch, mit dem Ziel, dass dieses Unternehmen eines Tages keine Ausländer wie mich mehr braucht. Am Ende bestand die Belegschaft zu siebenundneunzig Prozent aus Bruneiern. Es gibt ein Interview mit mir aus jener Zeit im internationalen «CEO Magazine» – der Junge aus Bad Honnef, glattgebügelt auf Hochglanzpapier. Meine Brüder fanden es, glaube ich, mässig beeindruckend. Brüder sind ein verlässliches Gegenmittel gegen Hochglanz.

Und die Politik? Nun – ich hatte in Uganda gelernt, dass die Politik einen findet. In Brunei musste sie nicht einmal suchen: Sie sass mit am Tisch. Das Land wird von einem Sultan regiert, die grossen Linien unserer Arbeit waren Staatsvision, und in unserem Board sass ein amtierender Minister. Es war die politischste Rolle meines Lebens, in einem durch und durch hierarchischen Land, und es gab kein Entkommen: Jede Entscheidung hatte eine fachliche Ebene, eine wirtschaftliche – und eine, für die es kein Lehrbuch gibt. Ich habe in diesen Jahren gelernt, mich auf diesem Parkett zu bewegen, mit Respekt vor dem Land und seinen Regeln. Mehr Details? Sie ahnen es: Vorhang.

Dann kam das Frühjahr 2020, und die Welt blieb stehen. Für eine Telefongesellschaft ist eine Pandemie ein eigentümliches Ereignis: Während draussen alles zusperrte, explodierte unser Geschäft förmlich – ein ganzes Land zog über Nacht ins Internet um. Schulen mussten von heute auf morgen aus Kinderzimmern unterrichten können, Ministerien mussten funktionieren, Familien wollten einander wenigstens auf Bildschirmen sehen. Wir waren an jeder dieser Fronten gefordert, gleichzeitig, monatelang. Beruflich war es, bei allem Ernst, eine Sternstunde: Selten ist so sichtbar geworden, wofür es Infrastruktur eigentlich gibt.
Privat sah die Bilanz anders aus. Die Grenzen schlossen, und mit ihnen schloss – das muss man wissen – die Weinhandlung: Brunei ist ein trockenes Land, Alkohol gibt es nicht, und das gelegentliche Glas Wein hatte bis dahin immer eine Autofahrt über die Grenze bedeutet. Nun war die Grenze zu. Ich will die grossen Tragödien jener Jahre nicht mit meinem Weinregal aufwiegen – aber es sei vermerkt: Der COO der nationalen Netze sass auf dem Trockenen, in jeder Hinsicht.
Sass er? Nun. Not macht erfinderisch, und wer eine Elektro-Ausbildung, ein Ingenieursdiplom und pandemiebedingt sehr überschaubare Abendgestaltung besitzt, der stellt irgendwann fest, dass sich aus erstaunlich simplen Zutaten mit etwas Geduld und Verfahrenstechnik ein Getränk gewinnen lässt, das einem Wein täuschend ähnlich ist. Mehr Details gibt es nicht – Sie kennen inzwischen meinen Vorhang –, nur so viel: Er war nicht einmal schlecht. Der Junge, der einst Kassettenrekorder zu Datenspeichern umbaute, hatte einfach ein weiteres Mal die vorhandene Hardware zweckentfremdet.
Schwerer wog etwas anderes. In der hierarchischen Kultur Bruneis ist ein COO nicht einfach ein Manager – er ist eine Vaterfigur, ob er will oder nicht. In den Pandemie-Monaten kamen die Mitarbeiter zu mir, einzeln und zu Dutzenden, und fragten Dinge, die in keiner Stellenbeschreibung stehen: Wie soll ich mich verhalten? Wie schütze ich meine Familie? Ich hatte auf vieles keine bessere Antwort als jeder andere – aber ich lernte, dass Zuhören manchmal die ganze Antwort ist. Wenn man mich heute fragt, was ich beruflich am besten kann, sage ich deshalb nicht «Strategie». Strategien standen am Anfang jeder meiner Stationen, und ich habe sie gern und oft genug selbst geschrieben. Aber das, was zählt, kam immer danach: sie wahr zu machen und die Menschen durch die Veränderung zu begleiten – durch Umbauten, Fusionen, Pandemien, durch alle Passagen, in denen eine Organisation sich fürchtet. Nirgendwo habe ich das in dieser Tiefe gelernt wie in Brunei. Und angefangen hat es, wie Sie wissen, an Krankenhausbetten im Rheinland.
Und mitten in diese Jahre fiel der Moment, in dem das Leben mich an mein fünftes Kapitel erinnerte: Meine Mutter starb. Ich war weit weg, in einem abgeriegelten Land am anderen Ende der Welt. Die Frau, die vier Jungs grossgezogen und mich in Uganda besucht hatte, ging, während ihr dritter Sohn ein fremdes Land am Netz hielt. Ich habe damals oft an die Menschen gedacht, die ich als junger Zivildienstleistender begleitet hatte, und daran, wie schnell es am Ende geht.
Es fügte sich, dass mein Sohn in genau jenen Tagen zu Besuch in Brunei war. Am Abend dieses Tages sassen wir zu dritt auf der Terrasse – er, meine Frau und ich –, mit Blick auf das Meer. Wir hielten einander die Hände und sagten kein Wort. Nur die Tränen liefen. Es sind diese Momente.
Mehr sage ich dazu nicht. Aber es gehört hierher.
Ende 2022 war die Mission erfüllt – aus dem Startup war der nationale Netzbetreiber geworden, und er stand auf eigenen Beinen. Das Kapitel Brunei schloss sich nach vier Jahren. Meine Frau und ich standen einmal mehr vor der Frage, die mein Leben strukturiert hat wie bei anderen die Schulferien: Wohin als Nächstes?

Die Antwort hatte diesmal eine Vorgeschichte. Meine Frau wollte schon lange nach Europa – sie hatte mich einst in meiner Berner Zeit besucht und der Schweiz offenkundig nie ganz abgeschworen. Und in Zürich sass immer noch der Chef der Schweizer Landesgesellschaft, mit dem ich seit Jahren in gutem Kontakt stand. Das Gespräch, das alles entschied, war kurz und im Kern eine freundliche Ohrfeige: «Komm in die Schweiz. Ich hab's dir damals schon angeboten. Mach's doch einfach.»
Also machten wir es einfach. Seit 2023 leben wir in der Schweiz, und ich arbeite wieder als Berater – viel für die Bundesverwaltung, auch für die Privatwirtschaft, zurück in der Welt der Rechenzentren und grossen Infrastrukturen. Und noch immer gilt der Satz, der sich durch dieses Buch zieht: Am meisten freue ich mich nicht, wenn eine Strategie beschlossen wird, sondern wenn sie eines Tages läuft – und die Menschen, die anfangs am lautesten gezweifelt haben, sie längst für ihre eigene halten. Das ist der schönste Moment jeder Transformation. Man erkennt ihn daran, dass niemand mehr einen braucht. Wer Details möchte, findet die offiziellen Stationen auf LinkedIn; dieses Buch ist für die Geschichten dazwischen zuständig, und die neueste Geschichte ist unspektakulär auf eine Art, die ich mir verdient zu haben glaube: Es ist schön hier. Es ist, verglichen mit fast allem, was in diesem Buch steht, geradezu unverschämt schön hier.
Ob es mich noch juckt? Die ehrliche Antwort: nein. Der Junge aus Bad Honnef hat inzwischen deutlich mehr Jahrzehnte hinter sich als vor sich, und der Appetit auf das nächste Abenteuer ist einem Appetit auf gute Aussicht gewichen. Die Schweiz ist – der Running Gag dieses Buches sei ein letztes Mal bemüht – für einen Deutschen ja durchaus Ausland. Aber sie ist, sagen wir es offen: Softcore-Ausland. Die Züge fahren pünktlich, niemand hält an meinem Autofenster, und die grösste Verhandlung des Tages betrifft die Frage, welcher Berg am Wochenende dran ist. Auch der Lackmustest ist längst bestanden: Ein Billardtisch steht in erreichbarer Nähe, wie er es seit meinem fünfzehnten Lebensjahr an jedem Ort getan hat, den ich Zuhause nannte. Ich bin schnell angekommen; meine Frau braucht für das Ankommen etwas länger, und das ist in Ordnung – ich hatte dreissig Jahre Training. Wir leben gut.
Die Technik, die mich mein Leben lang geleitet hat, ist natürlich noch da – sie hat nur die Rollen getauscht. Der Junge, der Radios aufschraubte, lässt heute schrauben: Zu Hause wächst eine Smart-Home-Landschaft, die ich mit derselben Leidenschaft ausbaue, mit der ich einst Kassettenrekorder modifizierte. Programmiert wird immer noch, inzwischen Seite an Seite mit künstlicher Intelligenz – der ZX81 brauchte mich, heute assistiere eher ich. Auch dem Elektroauto bin ich verfallen – mit einer Begeisterung, die meine Brüder milde belächeln; überhaupt bin ich, by the way, immer noch der Bruder, der sich für all das eine Spur zu sehr interessiert. Und die Börse? Die Erbschaft von damals hat Nachkommen: Irgendwo läuft leise eine kleine Maschine, die ich selbst programmiert habe und die nachts an einer Börse am anderen Ende der Welt ihre Entscheidungen trifft. Geld verdienen durch nichts – die Idee hat mich als Teenager mein Konfirmationsgeld gekostet und nie wieder losgelassen. Der Kreis schliesst sich, und er rechnet sich inzwischen besser.
Bleibt der Blick zurück, und der soll ehrlich sein. Es gab dunkle Passagen in dieser Geschichte, und ich habe sie nicht alle erzählt: den Tod, den ich als junger Mann gewaschen habe; Gewalt, die ich gesehen habe und nicht beschreibe; Verluste, die in keinem Kapitel stehen. Wenn Sie mich fragen, ob ich mit dem Wissen von heute alles noch einmal so machen würde – ja. Ohne Zögern. Ich bereue nichts. Die Rechnung geht nicht trotz der schweren Posten auf, sondern mit ihnen.
Und nach vorn? Ein paar Berufsjahre liegen noch vor mir, und ich wünsche mir dafür spannende Projekte und die Gelegenheit, weiterzugeben, was unterwegs hängen geblieben ist – an Kunden, vor allem aber an jüngere Kollegen, die heute so ahnungslos und hungrig am Anfang stehen, wie ich 1997 vor meinem ersten Bürotag in Ramersdorf stand. Die Ziellinie ist inzwischen sichtbar, und dahinter wartet ein Plan, der meiner Frau gehört und den ich aus vollem Herzen mittrage: der Ruhestand, irgendwann, in ihrer Heimat – in Indonesien. Java, die Fähren, die Inseln. Sie merken: Der Kreis schliesst sich schon wieder. Nach dem Softcore- Ausland Schweiz stünde dann noch einmal etwas mehr Exotik an. Etwas mehr Hardcore. Ein letztes Mal auszog.
Und das Gruseln? Ob ich es je gelernt habe?
Ich habe es versucht, wirklich. Ich habe mich von Radios schocken lassen und von Transformatoren beeindrucken, ich habe in Port Moresby Helikopter vom Himmel fallen sehen, in Kampala Tränengas gerochen und in Luanda in Gewehrläufe geblickt – und mich dabei, wenn ich ehrlich bin, erstaunlich selten gegruselt. Vielleicht kommt es ja noch. Im Märchen lernt der Junge das Gruseln ganz am Ende – zu Hause, von seiner Frau.
Meine lächelt manchmal so, als hätte sie da etwas vorbereitet.
Ende – vorerst.